Die Smiley-Inflation

Früher hat man den neuen Netzbürgern geraten, Emoticons in E-Mails und Usenet-Beiträgen – das Web war noch nicht verbreitet – nur sparsam zu verwenden. Auch wenn ich meine Nackenbeschwerden heute nicht auf die Tatsache zurückführen kann, dass ich beim Lesen meiner Mails die Gefühle meines Kommunikationspartners durch Neigen meines Kopfes zu entziffern versuche, ist mir doch die Menge der Smileys zu viel. Zwei oder drei in einer Mail mit zwei Absätzen sprengt deutlich die zumutbare Grenze.

Die gut gemeinte Absicht des Schreibers ist es meist, eine Aussage freundlicher erscheinen zu lassen, oder eine witzige Äußerung zu unterstreichen. Das Problem dabei: Wenn ich zu einer Handlung freundlich auffordern will und setze einen Smiley dahinter, laufe ich Gefahr, dass der Inhalt nicht ernst genommen wird. Und ein Witz wird bekanntlich auch nicht besser, wenn nur dessen Erzähler lacht.

Völlig absurd wird es dagegen, wenn Textverarbeitungsspielzeuge die Satzeichenfolge in sinngemäße Glyphen übersetzen. Die kommen beim Transport durch die Weiten des Internet ja nicht immer genau so an. So wird statt dem Grinsegesicht bei meinem Mailprogramm nur noch ein ‚J‘ dargestellt, dass immerhin noch entfernt an ein Lächeln erinnert, bei dem allerdings ein schlimmer Unfall beim Rasieren passiert ist. Fortschrittliche Mailprogramme ersetzen die Zeichenfolge sogar durch eine Grafik, die der Mail angehängt wird. Und das läuft meinem Verständnis von E-Mail-Gebrauch total zuwider.

Ich habe jedenfalls beschlossen, auf die Verwendung von Emoticons fürderhin zu verzichten. Ebenso auf in Großbuchstaben kodierte Tätigkeiten, wie ein lautes Auflachen, dass ja in der Form schon in die gesprochene Sprache übergegangen ist. Ein der Sprache mächtiger Schreiber sollte sich bei jeder Verwendung fragen, ob statt eines Smileys nicht eine Überarbeitung des jeweils voranstellenden Satzes infrage kommt. Es darf ja auch davon ausgegangen werden, dass der oder die Leser derselben Sprache genauso mächtig ist.

Insofern könnte es der Textqualität dienlich sein, einen Satz vielleicht noch einmal zu lesen und sich selber in die Situation des Empfängers zu versetzen. Da ja alle unsere Botschaften auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen werden, ist es häufig sinnvoll, eben jene Botschaften und Ebenen zu identifizieren und sich darüber Gedanken zu machen. Gerade hier besteht nämlich die Gefahr, dass bestimmte Aspekte der Botschaft durch Verwendung eines Smileys verschleiert wird und das ursprüngliche Ziel der Botschaft nicht erreicht wird.

Auch der Humor ist eine ernste Sache. Die besten Komiker verziehen beim Erzählen ihrer Geschichten keine Miene – das Lachen ist ausschließlich ein Privileg, dass das Publikum geniessen darf. Und daran sollte uns viel liegen: den Empfänger der Botschaft ernst zu nehmen. Vielleicht auch deswegen, weil wir damit einem weiteren Zweck dienen: Selber ernst genommen zu werden.

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