Klimawandel, Meinungen und die Manipulation

Eine Tageszeitung ist normalerweise nicht das beste Medium, wenn man Informationen über naturwissenschaftliche Erkenntnisse sucht. Denn dort wird so weit allgemeinverständlicht, dass es dann schon an Falschinformation grenzt.

Ein besonderes Fundstück habe ich schon vor einiger Zeit im Zürcher «Tagesanzeiger» gefunden. Dort sind ärgerlicherweise auf einem sehr kurzen Artikel eine schier unglaubliche Anzahl jener gängigen Irrtümer vertreten, die dem handelsüblichen Medienkonsumenten als die wissenschaftliche Wahrheit verkauft werden. Dabei treten die Fehler gerade hier offen zutage. Es beginnt schon beim ersten Satz:

Kaum zu glauben, aber statistisch nachgewiesen…

Statistik ist ein Werkzeug, mit dem sich unter anderem bis zu einer gewissen Zuverlässigkeit testen lässt, ob gewisse Hypothesen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. In keinem Fall sind damit Nachweise möglich. Sie wären es aber selbst im umgekehrten Fall nicht, weil in den Naturwissenschaften Beweise von Hypothesen prinzipbedingt unmöglich sind. Was aber im Folgenden an Hypothesen «bewiesen» wird, ist schon sehr abstrus:

Bis jetzt ist das Jahr 2010 global gesehen das wärmste seit 1880

Dieser Satz bedient sich zweier methodischer Tricks: Erstens lässt sich in einem beliebig langen Zeitraum immer ein Jahr finden, dass das wärmste ist und hier hat der Autor natürlich Glück, dass es das aktuelle ist. Auf den anderen weist das Wörtchen «global» hin. Damit lässt sich jede beliebige Zahlenbasis hinter einen nebulösen Schleier verbergen. Der Verdacht liegt nahe, dass hier Messreihen ausgewählt wurden, die zufällig besonders gut die eigene Hypothese stützen – ein Verfahren, dass in wissenschaftlichen Studien, die oft unter hohem Erfolgsdruck stehen, häufig angewendet wird.

Buchmachern z.B. ist dieses Problem sehr wohl bewusst, weshalb Pferderennen immer über eine vorher definierte Anzahl Runden gehen. So kann ein Wettender nicht nach dem Rennen geltend machen, dass «sein» Pferd irgendwann während des Rennens vorne gelegen hat. Die Schummelei hier besteht darin, dass man die Messreihe einfach am letzten niedrigsten Punkt beginnen lässt. Durch derart beliebige Auswahl der Stichprobe im Nachhinein lässt sich fast jeder «statistische Nachweis» erbringen.

Das funktioniert sehr einfach, wie man an dem folgenden Beispiel zeigen kann. Die Messreihe der Wetterstation Hohenpeißenberg, die eine der langfristigsten Klimaaufzeichnungen vorhält, zeigt folgenden Verlauf für die Jahre 1782-2004 (Quelle: DWD):

Der gleitende Mittelwert (rot, gestrichelt) zeigt den ungefähren Trend, nämlich eine Abkühlung mit anschließender Erholung, die ihren Tiefpunkt Ende des 19. Jahrhunderts hat. Lassen wir nun für den Zeitraum ab 1880 Trend und Grafik ausrechnen (ich benutze R als Datenmanipulationsprogramm), erhalten wir das «gewünschte» Ergebnis:

Zusätzlich habe ich mir hier erlaubt, die Y-Achse zu strecken, damit der Eindruck entsteht, die Temperaturkurve würde rechts oben schon beinahe aus der Grafik hinausstürmen. Sicher ist diese eine Station nicht repräsentativ für das Weltklima, das Beispiel zeigt aber, warum 1880 als Beginn der Messreihe ausgewählt wurde. So kann man mit scheinbar nüchternen Zahlen einen dramatischen Eindruck hinterlassen. Dramatisch fährt auch der Tagesanzeiger fort:

In Pakistan sei mit 53,3 Grad die höchste je gemessene Temperatur registriert worden, und auch in Los Angeles und Moskau habe es Rekordtemperaturen gegeben.

Aus früheren Recherchen glaubte ich immer zu wissen, dass der Temperaturrekord immer noch im Death Valley, Kalifornien, liegt und zwar bei 56,7°C. Eine Zahl, die sich ja leicht merken lässt. Auch die Wikipedia ist hier meiner Ansicht. Bemerkenswert ist hier aber die Auswahl dreier Messwerte, die zu einer vorgefassten Hypothese passen. Das bezeichnet man in der Statistik als die Methode des «Texanischen Scharfschützen»: Der Schütze zielt auf ein Scheunentor, zeichnet eine Zielscheibe um das Einschussloch und freut sich über den gekonnten Treffer. Auch hier gilt: in einem beliebig ausgewählten Zeitraum wird man immer mindestens eine Station findet, an der im aktuellen Jahr die jeweils höchste Temperatur gemessen wurden.

Für [den Autor] ist das ein Beleg dafür, dass der Klimawandel stattfindet.

Das ist für mich eher ein Beleg dafür, dass der Autor sowieso die statistischen Methode ignoriert. Wenn man die entsprechenden Schlüsse einfach aus den Maximalwerten ziehen könnte, bräuchte man den ganzen komplizierten Statistikkrempel sowieso nicht.

Aber das Rekordjahr 2010 hat laut Tagesanzeiger noch mehr zu bieten:

Gemessen an der Gesamtzahl der schadenträchtigen Naturkatastrophen liegt das Jahr 2010 derzeit mit mehr als 900 Ereignissen auf Platz zwei, seit wir 1980 begonnen haben, die Daten global zu erheben.

Spätestens hier muss sich der sachkundige Leser fragen, was dieser Artikel in der Rubrik «Wissen» der Zeitung zu suchen hat. Obwohl fast alle Klimatologen einem Zusammenhang zwischen globaler Erwärmung und dem Auftreten von Naturkatastrophen skeptisch gegenüberstehen, wird hier dieser Zusammenhang auch noch implizit durch Suggestion hergestellt. Eine Erklärung bleibt uns der Verfasser natürlich ebenso schuldig, wie die Art der Naturkatastrophen. So gehören z.B. Vulkanausbrüche eindeutig in diesen Bereich, tragen allerdings zu einer lokalen Abkühlung durch die Abschirmung der Sonnenstrahlung bei.

Im komplexen System des Klimas spielt nicht nur die Atmosphäre eine Rolle; auch die Ozeane, Gebirge und Gesteinswüsten, Gletscher und natürlich die Biosphäre, zu der auch der Mensch gehört, haben einen wesentlichen Anteil an dem Klimaverlauf, von himmelsmechanischen Vorgängen und Sonneneinstrahlung ganz zu schweigen. Wirklich verstanden sind die Wechselwirkungen dieser Mechanismen bis heute nicht. So ist z.B. die Reduzierung der Gletscher teils Folge, teils Ursache der Erwärmung, da ein Verschwinden der Eisfläche die Rückstrahlung der Sonnenenergie verringert und damit wieder zu einer Erwärmung beiträgt. Andere Mechanismen wie Verdunstung und Wärmetransport müssen diesen Effekt ausgleichen.

Obwohl es heute ausgeklügelte Rechenmodelle für die Klimavorhersage gibt, sind diese trotz gigantischer Rechenkapazitäten und großzügiger finanzieller Ausstattung (Mit welcher Rechtfertigung eigentlich?) nicht einmal in der Lage, das präzise ermittelte Klima der Vergangenheit «vorherzusagen».

Ich weiß das Engagement von Wissenschaftlern, die sich für eine klimabewusste Weltanschauung und Lebensweise einsetzen, zu schätzen. Hinsichtlich der oben erwähnten Methoden muss ich aber die lediglich gut gemeinte Haltung ablehnen. Derartige Vernebelungstaktiken gehören in den Bereich der Propaganda und passen nicht zu einem der Aufklärung verpflichteten Menschenbild.

Nachtrag

Hier noch der Temperaturverlauf derselben Station der letzten 20 Jahre, die aufzubereiten mehr Mühe bereitet hatte. Hier scheint sich eine Trendwende anzudeuten.

Wie es zu den widersprüchlichen Thesen kommt, wurde in einer erst kürzlich veröffentlichten Studie über den Jahrhundertsommer 2010 in Osteuropa und Russland erklärt. Anscheinend gibt es hier langfristige Zyklen, die den «langsamen» Klimawandel überlagern:

… provide evidence that the anomalous 2010 warmth that caused adverse impacts exceeded the amplitude and spatial extent of the previous hottest summer of 2003. „Mega-heatwaves“ such as the 2003 and 2010 events broke the 500-year-long seasonal temperature records over approximately 50% of Europe.

 

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