Zu komplex?

Zu komplex?

December 5, 2024·
Karsten

In den komplexen Zahlen machen wir den Schritt vom eindimensionalen Zahlenstrahl der reellen Zahlen $\mathbb{R}$ in die Zahlenebene. Um in dieser Ebene geometrisch-elegant rechnen zu können, definieren wir Abbildungen, die Transformationen darstellen. Diese Abbildungen lassen sich durch Matrizen beschreiben. Eine Matrix ist eine Tabelle mit Zahlen, in unserem Fall mit zwei Zeilen und zwei Spalten, also eine $2 \times 2$-Matrix.

Wir benötigen zwei spezielle Matrizen, die als Operatoren im $\mathbb{R}^2$ dienen:

$$E = \begin{pmatrix} 1 & 0 \\ 0 & 1 \end{pmatrix} \quad J = \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix}. $$

Die Matrix $E$ ist die Einheitsmatrix, die als Identitätsoperator dient, während $J$ eine Drehung um 90° gegen den Uhrzeigersinn darstellt.

Skalarmultiplikation

Eine komplexe Zahl kann durch eine Linearkombination von $E$ und $J$ dargestellt werden:

$$Z = aE + bJ = a \cdot \begin{pmatrix} 1 & 0 \\ 0 & 1 \end{pmatrix} + b \cdot \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} a & -b \\ b & a \end{pmatrix}$$

Hier repräsentiert $E$ die reelle Komponente $a$ und $J$ die imaginäre Komponente $b$. Somit beschreibt $Z$ eine komplexe Zahl $a + bi$ in Matrixform. Die Matrizen dienen dabei als Operatoren im $\mathbb{R}^2$: $E$ bildet jeden Vektor auf sich selbst ab, während $J$ eine Drehung um 90° bewirkt.

ℹ️

Die allgemeine Drehmatrix um einen Winkel $\theta$ lautet:

$$R_\theta = \begin{pmatrix} \cos\theta & -\sin\theta \\ \sin\theta & \cos\theta \end{pmatrix}$$

Für den Grenzfall $\theta = \frac{\pi}{2}$ wird diese zu:

$$R_{\pi/2} = \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix}$$

Ein Vektor, der parallel zur $x$-Achse verläuft, wird folgendermaßen gedreht und zeigt dann in $y$-Richtung:

$$ \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 0\cdot 1+(-1\cdot 0) \\ 1\cdot 1+0\cdot 0 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \end{pmatrix}$$

Matrixmultiplikation

Die Multiplikation von Matrizen erlaubt es uns, Transformationen zu kombinieren. Das Produkt zweier Matrizen $A$ und $B$ berechnet sich durch:

$$A \cdot B = \begin{pmatrix} a_{11} & a_{12} \\ a_{21} & a_{22} \end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix} b_{11} & b_{12} \\ b_{21} & b_{22} \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} a_{11} \cdot b_{11} + a_{12} \cdot b_{21} & a_{11} \cdot b_{12} + a_{12} \cdot b_{22} \\ a_{21} \cdot b_{11} + a_{22} \cdot b_{21} & a_{21} \cdot b_{12} + a_{22} \cdot b_{22} \end{pmatrix}$$

Wenden wir dies auf $J \cdot J$ an:

$$J^2 = \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix} \cdot \begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} -1 & 0 \\ 0 & -1 \end{pmatrix} = -E$$

Die Matrix $J^2 = -E$ repräsentiert eine 180°-Drehung und entspricht in der komplexen Zahlenarithmetik der Beziehung $i^2 = -1$. Somit wird das Verhalten komplexer Zahlen geometrisch und algebraisch elegant durch Matrizen beschrieben.